198 Methoden des gewaltlosen Widerstands

Gene Sharps Leitfaden von der Diktatur zur Demokratie; Bild: Privat
Gene Sharps Leitfaden von der Diktatur zur Demokratie; Bild: Privat

198 Methoden des gewaltlosen Widerstands (von Gene Sharp)

(A) Die Methoden gewaltlosen Protests und gewaltloser Überredung

Formelle Bekundungen

  1. Öffentliche Reden
  2. Ablehnende oder zustimmende Briefe
  3. Erklärungen von Organisationen und Institutionen
  4. Öffentliche Erklärungen mit Unterschriftenlisten
  5. Beschwerdeschriften und Absichts- bzw. Willenserklärungen
  6. Gruppen- oder Massenpetitionen

Kommunikation mit einem breiteren Publikum

  1. Schlachtrufe, Karikaturen und Symbole
  2. Transparente, Plakate und zur Schau gestellte Kommunikation
  3. Flugblätter, Pamphlete und Bücher
  4. Zeitungen und Zeitschriften
  5. Aufnahmen (z. B. Lieder oder Reden), Rundfunk und Fernsehen
  6. Schrift am Himmel und auf der Erde

Gruppenaktionen

  1. Delegationen
  2. Satirisch-parodistische Auszeichnungen für die Gegenseite
  3. Einflußnahme über Interessengruppen
  4. Streikposten und Blockaden
  5. Scheinwahlen

Symbolische öffentliche Akte

  1. Zurschaustellung von Flaggen und symbolischen Farben
  2. Tragen von Symbolen
  3. Gebet und Gottesdienst
  4. Symbolische Objekte liefern
  5. Sich aus Protest öffentlich entkleiden
  6. Bewußte Zerstörung eigenen Besitzes
  7. Symbolische Lichter (Fackeln, Kerzen usw.)
  8. Zurschaustellung von Porträts
  9. Protestmalen
  10. Neue Schilder und Namen (z. B. für Straßen)
  11. Symbolische Klänge (z. B. Glockengeläut)
  12. Symbolische Reklamation (z. B. eines bestimmten Geländes) für einen
    anderen Zweck
  13. Rüde Gesten

Druck auf Einzelne

  1. «Verfolgung» von Regierungsvertretern
  2. Verhöhnung von Regierungsvertretern
  3. Fraternisierung
  4. Mahnwachen

Theater und Musik

  1. Sketche und Satire
  2. Aufführung von Theaterstücken oder Musik
  3. Singen

Prozessionen

  1. Märsche
  2. Paraden
  3. Religiöse Umzüge
  4. Wallfahrten
  5. Autokorsi

Totenkult

  1. Politische Trauer
  2. Symbolische Begräbnisse
  3. Begräbnisse als Demonstrationen
  4. Ehrung an Grabstätten

Öffentliche Versammlungen

  1. Protest- oder Solidaritätsversammlungen
  2. Protesttreffen
  3. Getarnte Protesttreffen
  4. Teach-ins

Rückzug und Ablehnung

  1. Verlassen einer Konferenz, Versammlung, Diskussion usw.
  2. Schweigen
  3. Ehrungen ablehnen
  4. Jemandem den Rücken zuwenden

(B) Die Methoden sozialer Nichtzusammenarbeit

Ächtung von Personen

  1. Sozialboykott (Ostrakismus)
  2. Selektiver Sozialboykott
  3. Nichthandeln nach Art der Lysistrata (Verweigerung der «ehelichen
    Pflichten», um Frieden zu erzwingen)
  4. Ausschluß, Exkommunikation
  5. Interdikt

Nichtzusammenarbeit bei gesellschaftlichen Ereignissen und Bräuchen sowie mit Institutionen

  1. Aussetzung gesellschaftlicher und sportlicher Aktivitäten
  2. Boykott gesellschaftlicher Ereignisse (z. B. Empfänge, Bankette, Parties)
  3. Streik der Studenten und Schüler
  4. Sozialer Ungehorsam
  5. Rückzug aus sozialen Institutionen

Rückzug aus dem sozialen System

  1. Zu Hause bleiben
  2. Vollständige persönliche Nichtzusammenarbeit
  3. Flucht der Arbeiter
  4. Flucht in einen geschützten, «geheiligten» Raum (z. B. Kirche, Tempel)
  5. Kollektives Verschwinden
  6. Auswanderung aus Protest (ind. hijrat)

(C) Die Methoden wirtschaftlicher Nichtzusammenarbeit

(1) Wirtschaftsboykotte

Verbraucheraktionen

  1. Verbraucherboykott
  2. Nichtkonsum boykottierter Waren
  3. Askese, Genügsamkeit
  4. Einbehaltung der Miete oder Pacht
  5. Weigerung, etwas zu mieten oder zu pachten
  6. Nationaler Verbraucherboykott
  7. Internationaler Verbraucherboykott

Aktionen von Arbeitern und Produzenten

  1. Boykott der Arbeiter
  2. Boykott der Produzenten

Aktionen von Mittelsmännern

  1. Boykott der Lieferanten und Zwischenhändler

Aktionen von Eignern und Management

  1. Boykott der Händler
  2. Weigerung, Grundstücke zu vermieten oder zu verkaufen
  3. Aussperrung
  4. Verweigerung von Unterstützung und Rat im Bereich der Industrie
  5. «Generalstreik» der Kaufleute

Aktionen derjenigen, die über die finanziellen Ressourcen verfügen

  1. Abhebung von Bankguthaben
  2. Weigerung, Gebühren, Abgaben und Beiträge zu zahlen
  3. Weigerung, Schulden oder Zinsen zu bezahlen
  4. Einfrieren von Fonds und Krediten
  5. Weigerung, der Regierung über Steuern u. ä. Einnahmen zu verschaffen
  6. Weigerung, die staatliche Währung zu akzeptieren

Aktionen von Regierungen

  1. Binnenembargo
  2. Schwarze Listen von Händlern
  3. Internationales Verkäuferembargo
  4. Internationales Käuferembargo
  5. Internationales Handelsembargo

(C) Die Methoden wirtschaftlicher Nichtzusammenarbeit

(2) Der Streik

Symbolische Streiks

  1. Proteststreik
  2. Kurzzeitige Arbeitsniederlegung (Blitzstreik)

Streiks in der Landwirtschaft

  1. Streik der Bauern
  2. Streik der Landarbeiter

Streiks spezieller Gruppen

  1. Verweigerung erzwungener Arbeit
  2. Gefangenenstreik
  3. Streik des Handwerks
  4. Streik der Angestellten und Selbständigen (z. B. Lehrer, Anwälte)

Gewöhnliche Streiks in der Industrie

  1. Firmenstreik (innerhalb eines Unternehmens)
  2. Branchenstreik (innerhalb einer Branche oder eines Industriesektors)
  3. Solidaritätsstreik

Beschränkte Streiks

  1. Kleinteiliger Streik (ein Beschäftigter nach dem anderen legt die Arbeit nieder)
  2. Punktueller Streik (es wird in einem bestimmten Industriesektor jeweils immer nur ein Unternehmen bestreikt)
  3. Bummelstreik
  4. Dienst nach Vorschrift
  5. «Krankfeiern»
  6. Streik durch Kündigung
  7. Begrenzter Streik (keine völlige Arbeitsniederlegung)
  8. Selektiver Streik (Verweigerung bestimmter Tätigkeiten)

Streiks in vielen Industriebereichen

  1. Erweiterter Streik
  2. Generalstreik

Kombinationen aus Streiks und Stillegungen

  1. Hartal (in einer Region kommt das gesamte Wirtschaftsleben temporär zum Erliegen)
  2. Einstellung der ökonomischen Aktivitäten
    (D) Die Methoden politischer Nichtzusammenarbeit

Ablehnung von Autorität

  1. Gefolgschaft temporär verweigern oder ganz aufkündigen
  2. Verweigerung öffentlicher Unterstützung
  3. Texte und Reden, die zum Widerstand aufrufen

Nichtzusammenarbeit der Bürger mit der Regierung

  1. Boykott der Legislative
  2. Wahlboykott
  3. Boykott von Staatsdienst und staatlichen Posten
  4. Boykott von Ministerien, Behörden und anderen Organen
  5. Rückzug aus staatlichen Bildungseinrichtungen
  6. Boykott von Organisationen, die von der Regierung unterstützt werden
  7. Weigerung, die Vollzugsorgane zu unterstützen
  8. Entfernung eigener Zeichen und Ortsmarkierungen (z. B. Hausnummern, Straßenschilder, Wegweiser)
  9. Weigerung, bestellte Amtsträger zu akzeptieren
  10. Weigerung, bestehende Institutionen aufzulösen

Alternativen zum bürgerlichen Gehorsam

  1. Zögerliche und langsame Befolgung von Vorgaben
  2. Nichtgehorchen bei fehlender direkter Überwachung
  3. Nichtgehorchen der Bevölkerung
  4. Getarnter Ungehorsam
  5. Weigerung, eine Menge oder eine Versammlung aufzulösen
  6. Sitzstreik
  7. Nichtzusammenarbeit bei Rekrutierung und Deportation
  8. Verstecken, Entfl iehen und falsche Identitäten
  9. Ziviler Ungehorsam gegenüber «illegitimen» Gesetzen
    Aktionen des Regierungspersonals
  10. Selektive Verweigerung der Unterstützung von seiten der Regierungsberater
  11. Unterbrechung der Befehlskette und des Informationsfl usses
  12. Verzögerung und Behinderung
  13. Allgemeine Nichtzusammenarbeit der Verwaltung
  14. Nichtzusammenarbeit der Justiz
  15. Bewußte Ineffi zienz und selektive Nichtzusammenarbeit der Vollzugsorgane
  16. Meuterei

Aktionen der eigenen Regierung

  1. Quasi-legale Umgehung und Verzögerung
  2. Nichtzusammenarbeit konstitutiver Teile der Regierungsbehörden

Aktionen der internationalen Regierungen

  1. Veränderungen in der diplomatischen Repräsentation und anderen
    Vertretungen
  2. Aufschub und Absage diplomatischer Ereignisse
  3. Verweigerung der diplomatischen Anerkennung
  4. Einfrieren der diplomatischen Beziehungen
  5. Rückzug aus internationalen Organisationen
  6. Verweigerung der Mitgliedschaft in internationalen Organen
  7. Ausschluß aus internationalen Organisationen

(E) Die Methoden gewaltloser

Psychologische Intervention

  1. Sich den Elementen aussetzen
  2. Fasten

a) Fasten als moralisches Druckmittel
b) Hungerstreik
c) Satyagrahi-Fasten (Fasten, um den Gegner als Verbündeten für die eigene Sache zu gewinnen)

  1. Umkehrung der Rollenverteilung in einem Gerichtsverfahren
  2. Gewaltlose Schikanen

Physische Intervention

  1. Sit-in (Besetzung von Räumen oder Gebäuden)
  2. Stand-in (Stehenbleiben, z. B. an Schaltern oder Einlässen, auch nachdem man abgewiesen wurde)
  3. Ride-in (Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel auf Sitzplätzen, die eigentlich für einen selbst verboten sind)
  4. Wade-in (Nutzung öffentlicher Strände trotz bestehender Rassentrennung)
  5. Mill-in (anders als beim Sit-in bleiben die Protestierer in Bewegung, kommen und gehen)
  6. Pray-in (Versuch, an einem Gottesdienst teilzunehmen, von dem man «offiziell» ausgeschlossen ist)
  7. Gewaltlose symbolische Inbesitznahme
  8. Gewaltloses Eindringen in den Luftraum (um z. B. Flugblätter abzuwerfen)
  9. Gewaltlose Invasion
  10. Gewaltloses Dazwischengehen
  11. Gewaltlose Behinderung
  12. Gewaltlose Besetzung

Soziale Intervention

  1. Etablierung neuer sozialer Muster
  2. Bewußte Überlastung von öffentlichen Einrichtungen
  3. Stall-in (soziale Handlungen, z. B. Bankgeschäfte, werden so langsam wie möglich vollzogen)
  4. Speak-in (Störung von Versammlungen durch Wortbeiträge zu Fragen, die nicht unbedingt mit dem dort Diskutierten zu tun haben müssen)
  5. Guerillatheater
  6. Aufbau alternativer gesellschaftlicher Institutionen
  7. Alternatives Kommunikationssystem

Ökonomische Intervention

  1. Umgekehrter Streik (Beschäftigte arbeiten härter und länger als gefordert)
  2. Stay-in-Streik (Arbeiter streiken, bleiben aber an ihrem Arbeitsplatz)
  3. Gewaltlose Landbesetzung
  4. Mißachtung von Blockaden
  5. Politisch motivierte Fälschung (von Geld oder Dokumenten)
  6. Aufkauf von bestimmten Waren, damit sie einer gegnerischen Partei nicht zur Verfügung stehen
  7. Konfi szierung von Vermögen
  8. Dumping (Verkauf von Gütern auf dem Weltmarkt zu Dumpingpreisen, um die Einnahmen eines anderen Landes zu schmälern)
  9. Selektive Patronage bestimmter Unternehmen
  10. Alternative Märkte
  11. Alternative Transportsysteme
  12. Alternative Wirtschaftsinstitutionen

Politische Intervention

  1. Gezielte Überlastung der Verwaltungssysteme
  2. Die Identität von Agenten preisgeben
  3. Sich gezielt um Verhaftung bemühen
  4. Ziviler Ungehorsam gegenüber «neutralen» Gesetzen
  5. Weiterarbeiten, ohne zu kollaborieren
  6. Doppelter Souverän und Parallelregierung

Das Albert Einstein Institut bietet den Leitfaden für den gewaltlosen Widerstand gratis zum Download an:
https://www.aeinstein.org/wp-content/uploads/2013/10/FDTD_German.pdf