»Der Rat der Götter«

Der Aufsichtsrat der IG-Farben nannte sich selbst »Der Rat der Götter«; Foto: Collage
Der Aufsichtsrat der IG-Farben nannte sich selbst »Der Rat der Götter«; Foto: Collage

»Der Rat der Götter«, so nannte sich der IG-Farben-Vorstand in seiner Hybris selbst, ist ein spannender Politthriller in Schwarz-Weiß, der auch dokumentarisches Material einbezieht und in einer Massenszene Eisenstein’schen Ausmaßes endet. Entscheidend ist, dass gezeigt wurde, worüber vor allem im Westen geschwiegen wurde: dass es weder Krieg noch Massenmord ohne die tatkräftige Unterstützung der Pharmaindustrie hätte geben können.

Wie kein anderer Konzern war der Trust IG Farben mit dem Vorstandvorsitzenden Carl Krauch Teil der Industriepolitik der Nazis. In Auschwitz betrieb der Konzern ein eigenes Lager, man lieferte auch das Zyklon B. Nach 1945 folgte die Entflechtung der 1925 gegründeten IG Farben, dem zu seiner Zeit größten petrochemischen und pharmazeutischen Konzern der Welt. Die Firmen – wie Bayer, Hoechst und BASF – gehören noch immer zu den mächtigsten Deutschlands, die offizielle Auflösung IG Farben kam erst 2012. Eine Ausnahme unter den angeblich so ehrbaren deutschen Unternehmern mit ihrem ach so sozialen Gewissen war das nicht: Quandt, Klatten, Schaeffer, Brose, Reimanns und wie sie alle heißen hatten gegen Zwangsarbeit und Mord nichts einzuwenden, solange der Profit stimmte. Und ob sie es wohl heute hätten?

In der BRD wurde die Aufführung von »Der Rat der Götter« verboten. Der Film sei ideologisch, hieß es in dem Staat, in dem zu diesem Zeitpunkt im Kino nichts außer harmlos-kitschigen Heimatfilmen lief. Bis sich ein bundesdeutscher Film mit dem Verhältnis von Kapital, Industrie und Vernichtung, also von Produktionsweise, Gesellschaftsform und Faschismus ernsthaft auseinandersetzte, sollte es dauern. Harun Farockis »Zwischen zwei Kriegen« (1978) wäre da zu nennen – fast 30 Jahre nach »Der Rat der Götter«.

Von der IG-Farben zur EU:

Fritz ter Meer geboren 1884, war seit 1926 Vorstandsmitglied der IG Farben. Während des Zweiten Weltkriegs war er verantwortlich für den Aufbau des IG Farben-Werks in Auschwitz. Im Nürnberger IG-Farben-Prozess wurde ter Meer im Juli 1948 wegen Versklavung und Plünderung zu sieben Jahren Haft verurteilt, aber bereits nach vier Jahren wieder entlassen. In seinen Vernehmungen hatte ter Meer geäußert, den Zwangsarbeitern in Auschwitz III-Monowitz sei ja kein besonderes Leid zugefügt worden, „da man sie ohnedies getötet hätte„. Nach seiner Haftentlassung wurde ter Meer Aufsichtsratsvorsitzender von BAYER. Nach seinem Tod 1967 benannte die AG eine Stiftung zur Förderung von Studierenden in „Fritz-ter-Meer-Stiftung“. Der BAYER-Konzern verweigerte eine öffentliche Distanzierung von dem in Nürnberg verurteilten Kriegsverbrecher Fritz ter Meer. Im Gegenteil: Regelmäßig wurde am Allerheiligen von BAYER an ter Meers Grab in Krefeld ein Kranz niedergelegt.

Bericht über Bayer, Kriegsverbrecher und chemische Kampfstoffe:

Die milden Urteile im Nürnberger IG FARBEN-Prozeß gegen ter Meer – und andere IG Farben Aufsichtsrats- und Vorstandsmitglieder wie Heinrich Bütefisch, Carl Krauch, Georg von Schnitzler – sieht die BAYER-Firmengeschichte trotz des KZs in Ausschwitz als zu hoch an. Sich schnell noch des Beistandes der gesamten Innung versichernd, kommentiert sie die siebenjährige Haftstrafe für Fritz ter Meer so: „In der Industrie war man bestürzt über dieses Urteil. Man wußte, dass ter Meer kein Nazi gewesen war.“

Bild: Im Casino der BAYER AG hängt der monumentale Ölschinken "Der Rat der Götter", auf dem der damalige BAYER AG-Chef Carl Duisberg zusammen mit Carl Bosch und anderen Industriebossen kurz nach der Gründungssitzung der IG FARBEN verewigt ist.
Bild: Im Casino der BAYER AG hängt der monumentale Ölschinken „Der Rat der Götter“,
auf dem der damalige BAYER AG-Chef Carl Duisberg zusammen mit Carl Bosch und anderen Industriebossen kurz nach der Gründungssitzung der IG FARBEN verewigt ist.

Es gibt für BAYER und andere Pharmakonzerne bis heute keinen Schlussstrich.