Gefährliche Angst

Nachtgedanken; Foto: © korrekter.com
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Laut hämmerte es gegen die Tür. Anna stockte der Atem und die Angst schnürte ihr die Kehle zu. Durch das Fenster sah sie den Schein von Fackeln und hörte aufgeregte Stimmen. Dann pochte es wieder. Diesmal lauter, energischer. „Aufmachen! Sofort!“ In ihrer Einzimmerwohnung gab es keine Möglichkeit zur Flucht. Anna trat zögernd an die Eingangstür. Kaum hatte sie den Schlüssel gedreht, wurde die Tür mit einem Tritt nach innen aufgestoßen. Anna verlor durch den Schwung das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Mehrere Personen stürmten in den Raum. Alle hatten Tücher vor den Gesichtern, nur ihre geifernden Augen blitzten. Voller Bosheit sahen sie auf die junge Frau am Boden. „Passt auf! Geht nicht zu nah! Sie macht euch krank“, zischte jemand. Weitere Personen drängten sich in den Raum und sahen voller Verachtung auf Anna, die ohne Mundnasenbedeckung am Boden lag.
„Nehmt sie mit! Sie ist eine Gefahr!“ hörte Anna eine strenge Stimme sagen. Kurz darauf wurde sie von kräftigen Händen gepackt und auf die Beine gezogen. Im nächsten Moment wurde es schwarz vor ihren Augen, da man ihr einen Sack überstülpte. Wie Vieh trieb man sie blind aus dem Haus, zu einem Wagen hin, der sie fort brachte. Wohin konnte Anna nur erahnen.

Für eine Anklage (Denunziation) genügte die Aussage einer beliebigen Person ohne die Beachtung ihrer Glaubwürdigkeit oder Vergangenheit. Man ging zunächst von der Richtigkeit der Aussage aus, weshalb sie nicht bewiesen werden musste. Gründe waren oft subjektiv, z.B. Hass auf Konkurrenten, Neid und Eifersucht; religiöser Fanatismus führte zu Aberglaube, Angst und Wahn, in diesem Fall war es Angst vor Krankheiten, die zum Tod führten. Ehe der Mob Anna abholte, ging das Gerücht im Dorf um, sie sei vom Teufel besessen. Sie wurde denunziert und für Plagen und Krankheiten verantwortlich gemacht. Anna hatte keine Chance. Es kam zum Prozess.

Die junge Frau wusste nicht, was sie erwartete, glaubte sie doch an Gerechtigkeit. Am Tag der Verhandlung wurde sie abgeholt, entkleidet und jegliche Körpbehaarung wurde mittels Wachs entfernt, da man davon ausging, dass sie damit andere krank machen konnte. In einem Büßergewand mit einem Tuch vor das Gesicht geknotet wurde Anna in den Gerichtssaal geführt. Als sie hörte, was man ihr vorwarf, beteuerte sie wieder und wieder, keine Krankheiten auslösen zu können, doch das Unschuldsprinzip galt nicht, da man von der Schuld der Angeklagten ausging. Zudem sah man es als erwiesen an, dass Gott es niemals zulassen würde, dass eine Unschuldige verurteilt würde. Ein Verteidiger war nicht anwesend und nicht geplant; das Gericht argumentierte damit, dass jemand, der einen Anwalt wolle, diesen wohl auch nötig habe, deshalb wäre dadurch nicht nur der Verteidiger in Schwierigkeiten gekommen, sondern die Angeklagte hätte dadurch quasi ihre Schuld bewiesen. Somit war Anna alleine, als der nächste Schritt – die peinliche Befragung – begann.

Die Fragen drehten sich um Weltverschwörungstheorien, bis hin zu Satanismus und unsinnigen Ideen, auf die nur kranke Hirne kommen können. Unter Tränen versicherte Anna, dass sie nichts mit den Kranheiten im Dorf zu tun hatte. Sie war niemandem zu nahe gekommen, sie konnte nichts dafür, dass der Sohn des Bürgermeisters mit himbeerroter Zunge krank im Bett lag. Ihr wurde kein Glauben geschenkt. Unter dem Jubel des Pöbels wurde Anna vorgeworfen, sich mit dem Teufel verbündet und Krankheiten verbreitet zu haben. Sie konnte sagen, was sie wollte. Das Gericht hatte längst das Urteil gefällt. Da sie sich weigerte, ihre Schuld anzuerkennen, wurde ihr mit dem Daumenstock und dem spanische Stiefel gedroht. Der Richter erklärte zuversichtlich, dass sie schon bald ein Geständnis ablegen würde. Das Gericht sah Folter dabei als Hilfe an, damit die Angeklagte auch gegen den Willen des Teufels gestehen könne.

Die Schmerzen, die auf die Verhandlung folgten, waren unerträglich, doch egal, was man ihr antat, Anna blieb bei der Wahrheit – sie hatte keine Menschen krank gemacht. Sie wusste, was ihr bei einem Geständnis drohte – sie würde zuerst erwürgt oder enthauptet und dann verbrannt. Ihr Stolz und ihre Beharrlichkeit waren schließlich dann der Grund, warum das Gericht zu einem Urteil kam. Sie sollte durch Verbrennung sterben. Der Tod durch Flammen war bewusst gewählt, um weitere Ansteckungen zu vermeiden.

Die Hinrichtung wurde vom Scharfrichter durchgeführt, der auch für die nötigen Vorbereitungsarbeiten, z.B. Errichtung des Scheiterhaufens, zuständig war. Vorab wurden die Prozess- und Hinrichtungskosten der Familie von Anna in Rechnung gestellt. Ihr übriges Vermögen wurde konfisziert. Vor der Vollstreckung wurde das Urteil gegen Anna öffentlich und unter freiem Himmel verlesen. Der Platz war gefüllt mit Menschen. Da sie nicht geständig war, konnte sie nicht darauf hoffen, vor der Verbrennung enthauptet oder erdrosselt zu werden. Das wurde als besonderer Gnadenakt dargestellt. Die Hinrichtung erfolgte an einem üblichen Richtplatz, die es in jeder Stadt und in jedem Dorf gab. Anna wurde vor aller Augen bei lebendigem Leib verbrannt. Die Hingerichtete wurde am Hinrichtungsort zur allgemeinen Abschreckung zurückgelassen.

Nach Annas Tod führte das Dorf-Getratsche dazu, dass weitere Personen in die vom Viruswahn angetriebenen tödlichen Mühlen der Verfolgung wegen Zauberei gerieten. In einer Zeit, in der die Menschen in Mitteleuropa durch die Unterernährung geringe Abwehrkräfte hatten und Krankheiten, Seuchen und Tod fast alltäglich waren, suchte man nach Erklärungen, Sündenböcken und Zaubermitteln. Link agierende, falsche Menschen sahen dunkle Mächte oder böse Nachbarinnen als Verursacherinnen von Krankheit und Leid.

Auf Anna folgte der Prozess gegen Dorothea Wed, die im Jahr 1677 in Friedau (heute Ormož in Slowenien) lebte. Auch Dorothea Wed wurde nachgesagt, die Leute im Dorf mit Zauberei krank zu machen. Der „Dialog“ zwischen dem gnadenlosen Richter Will und der 70-jährigen willensstarken Dorothea Wed, der Verlauf des Prozesses und die Folterungen wurden in allen schrecklichen Einzelheiten protokolliert. Dorothea Wed wurde erwürgt. Auf Dorothea Wed folgte Ursula Neubauer, die sogar eine Bittschrift an den Kaiser schickte, worin sie um Gnade zu flehte.

► Prozess gegen Marina Hörk.
► Prozess gegen Gera Scherb.
► Prozess gegen Marina Schepp wegen Zauberei.
► Der Prozess gegen Thomas Heiser.
► Die Verfahren gegen Andreas Zechner.
► Der Prozess gegen Stefan Zechner.

Viele weitere unschuldige Menschen starben einen grausamen Tod.

Damals wie heute wurden die Menschen in Todesangst versetzt, da man ihnen sagte, dass „Hexen“ böse Krankheiten verbreiten können. Heute wie damals wird denunziert und Menschen ausgegrenzt, sei es – weil sie keine Maske tragen und andere anstecken könnten, oder weil sie schlichtweg eine andere Meinung haben.

Denken Sie, dass Hexenverbrennungen heute nicht mehr möglich wären? Schätzen Sie unsere Zivilisation so weit aufgeklärt ein, dass Sie Angriffe auf Unschuldige für ausgeschlossen halten? Denken Sie noch einmal nach und vergessen Sie beim nächsten Mal, wenn Sie vor die Tür gehen, Ihre Maske nicht, da keine Maske sie als Aluhutträger, Weltverschwörungstheoretiker oder gar Corona-Leugner offenbart. (mo)