»Ich sehe mich fast als Künstler« | KLAUS SCHWAB

Art 20 GG
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Kapitel 6 – Auszug aus „Pioniere der deutschen Wirtschaft Was wir von den großen Unternehmer- persönlichkeiten lernen können“ von Bernd Ziesemer der, seit über 20 Jahren als Journalist mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Außenpolitik tätig ist.

Unten in der Stadt glitzert und leuchtet es in den Läden. Genf ist seit Jahrhunderten die Stadt edler Uhren. Isaac Rousseau gehörte etwa zu jener Zunft, die an den Ufern des Sees teure Zeitmesser per Hand fertigte. 1712 wurde sein Sohn Jean-Jacques hier geboren und entwarf in seinem elenden Leben im Schatten der Alpengipfel die Vision einer neuen Gesellschaftsordnung.

[Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.]

Wer links des Genfer Sees auf die Route de la Capite hinauffährt, riecht den frisch gemähten Rasen eines Golfplatzes. Dahinter führt eine schmale Auffahrt zu einem schweren Stahltor. Öffnet es sich, gibt es den Weg frei in eine neue Welt. Hier pocht das Herz der Globalisierung, und es trägt einen deutschen Namen: Prof. Dr. Dr. Klaus Schwab. Ihm gelingt es jedes Jahr, mehr als 2000 hochrangige Persönlichkeiten aus Welt-Wirtschaft, Welt-Politik und Welt-Gesellschaft für eine Woche in die Graubündener Berge zu locken, nach Davos zum »World Economic Forum«.

Davos! Weltgeschichte wurde hier gemacht, Welttrends wurden hier entdeckt, hier prallte Europas Elite erstmals auf die Gurus des Internetzeitalters. Klaus Schwab, der Gründer des Forums, sagt:

»Wir wollen eine globale Gemeinschaft bilden, eine weltweite Vernetzung zwischen den Entscheidungsträgern aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Medien.«

Das hat Schwab geschafft. Die Erfindung der »Weltmarke« Davos macht ihn zu einem der erfolgreichsten, zugleich aber auch zu einem der ungewöhnlichsten Unternehmer, die Deutschland hervorgebracht hat. Nicht in Umsatz und Gewinn berechnet sich sein Erfolg, sondern in Ideen und Einfluss, in Meinungsführerschaft und Kontakten. Schwabs Markt sind die Gehirne der Weltelite. Und da ist er so etwas wie der Weltmarktführer. Das hat ihm auf der einen Seite der Gesellschaft den Ruf des Vordenkers eingebracht. Von Globalisierungsgegnern hingegen wird er angefeindet. Für sie ist das »World Economic Forum« nur das »WEF«, die Speerspitze des Kapitalismus. Schwab gefällt das dennoch ganz gut. »Davos ist Konfrontation«, sagt er. »Und das soll auch so sein.«

In seinem Hauptquartier in Genf scheint die Globalisierung schon so perfekt wie sonst nur in Lehrbüchern: als erstrebenswerter Endzustand. Asiatische und europäische Baustile fließen harmonisch ineinander. Der Boden aus Schiefer, das Holz rötlich-braun, durch die riesigen Glasflächen schimmert das Licht des Genfer Sees. Alles ist transparent bis in den letzten Winkel.

Die »Eine Welt« ist hier lebendig: Junge Inderinnen plaudern mit einem Dozenten aus England, ein Franzose raucht im japanisch anmutenden Garten eine Zigarette, Mitarbeiter sind auf dem Sprung nach Kapstadt oder Peking, an den Wänden hängen zeitgenössische Gemälde aus allen Kontinenten. »Committed to improving the state of the world«, das Motto des Weltwirtschaftsforums mit der stilisierten Weltkugel, ist hier erfüllt von Leben.

Klaus Schwab kommt gerade aus Jordanien. Er ist ein quecksilbriger Mann, aber nicht quirlig, mit wachen Augen, die aber an diesem Tag durch eine Allergie gerötet sind. Gegen klimatische Umstellungen ist auch der globale Mensch eben nicht immer gefeit.

Im Nahen Osten hat Schwab Jordaniens König Abdullah getroffen, die amerikanische Präsidentengattin Laura Bush und jeweils die halbe Ministerriege aus Israel, Ägypten, Jordanien, dem Irak.

Schwabs Veranstaltung sollte helfen, den Konflikt im Nahen Osten wieder auf einen friedlichen Weg zu leiten. »Ohne Dialog geht das nicht. Unser Forum ist eine ideale Plattform dafür, weil wir als Stiftung keine eigenen wirtschaftlichen oder ideologischen Interessen haben. So entsteht Vertrauen«, sagt Schwab.

Es gibt nur wenige Menschen auf der Erde, die jederzeit derart

folg, sondern in Ideen und Einfluss, in Meinungsführerschaft und Kontakten. Schwabs Markt sind die Gehirne der Weltelite. Und da ist er so etwas wie der Weltmarktführer. Das hat ihm auf der einen Seite der Gesellschaft den Ruf des Vordenkers eingebracht. Von Globalisierungsgegnern hingegen wird er angefeindet. Für sie ist das

»World Economic Forum« nur das »WEF«, die Speerspitze des Kapitalismus. Schwab gefällt das dennoch ganz gut. »Davos ist Konfrontation«, sagt er. »Und das soll auch so sein.«

In seinem Hauptquartier in Genf scheint die Globalisierung schon so perfekt wie sonst nur in Lehrbüchern: als erstrebenswerter Endzustand. Asiatische und europäische Baustile fließen harmonisch ineinander. Der Boden aus Schiefer, das Holz rötlich-braun, durch die riesigen Glasflächen schimmert das Licht des Genfer Sees. Alles ist transparent bis in den letzten Winkel.

Die »Eine Welt« ist hier lebendig: Junge Inderinnen plaudern mit einem Dozenten aus England, ein Franzose raucht im japanisch anmutenden Garten eine Zigarette, Mitarbeiter sind auf dem Sprung nach Kapstadt oder Peking, an den Wänden hängen zeitgenössische Gemälde aus allen Kontinenten. »Committed to improving the state of the world«, das Motto des Weltwirtschaftsforums mit der stilisierten Weltkugel, ist hier erfüllt von Leben.

Klaus Schwab kommt gerade aus Jordanien. Er ist ein quecksilbriger Mann, aber nicht quirlig, mit wachen Augen, die aber an diesem Tag durch eine Allergie gerötet sind. Gegen klimatische Umstellungen ist auch der globale Mensch eben nicht immer gefeit.

Im Nahen Osten hat Schwab Jordaniens König Abdullah getroffen, die amerikanische Präsidentengattin Laura Bush und jeweils die halbe Ministerriege aus Israel, Ägypten, Jordanien, dem Irak.

Schwabs Veranstaltung sollte helfen, den Konflikt im Nahen Osten wieder auf einen friedlichen Weg zu leiten. »Ohne Dialog geht das nicht. Unser Forum ist eine ideale Plattform dafür, weil wir als Stiftung keine eigenen wirtschaftlichen oder ideologischen Interessen haben. So entsteht Vertrauen«, sagt Schwab.

Es gibt nur wenige Menschen auf der Erde, die jederzeit derart viele bedeutende Persönlichkeiten anrufen könnten – und durchgestellt würden. Ob Bill Gates oder Helmut Kohl, Bill Clinton oder Nelson Mandela, Wladimir Putin, Jacques Chirac, Tony Blair, Wissenschaftler, Philosophen, Manager.

Schwab hat sich das hart erarbeitet. Seine heutigen Kontakte reichen oft 30 Jahre zurück, in jene Zeit, als er 1971 als junger Wirtschaftsprofessor das »European Management Symposium« ins Leben gerufen hatte. Unentschlossen, ob er sich der Wirtschaft oder der Universität zuwenden sollte, las er das Buch des Franzosen Jean- Jacques Servan-Schreiber über die »Amerikanische Herausforderung«. Der Bestseller trat unter Europas Intellektuellen erbitterte Diskussionen los – ähnlich der heutigen Debatte über das alte Europa und seine festgefahrenen Strukturen. Servan-Schreiber wollte die Europäer wachrütteln. Bei Schwab gelang es ihm perfekt: »Als ich das Buch las, kam mir die Idee, eine Plattform zu schaffen, wo die besten amerikanischen Professoren mit europäischen Managern zusammentreffen«, sagt Schwab.

Wer seine Herkunft kennt, für den ist es eine logische Fortschreibung. Klaus Schwab wird am 30. März 1938 im oberschwäbischen Ravensburg geboren. Mit zwei Brüdern wächst er auf. Der Vater leitet eine Turbinenfabrik, den Ableger eines Schweizer Konzerns. Deshalb erlebt Schwab den Zweiten Weltkrieg anders als viele seiner Zeitgenossen: »Mein Vater musste viel in die Schweiz reisen, durfte jederzeit die Grenze passieren. Ich durfte oft mit. Auf der einen Seite war Krieg und auf der anderen herrschte Frieden und etwas von der Gelassenheit des alten Europa. Das hat mich ungeheuer bewegt und wahrscheinlich sehr beeinflusst.«

Die Eltern schicken die Kinder auch schon früh ins Ausland. »Als Jugendlicher verbrachte ich die Ferien oft in Skandinavien, Italien, Frankreich und natürlich in der Schweiz«, erzählt Schwab. »Das war Anfang der fünfziger Jahre noch nicht üblich. Ich arbeitete damals auch im Deutsch-Französischen Jugendwerk. Mein Vater war begeisterter Rotarier und wollte nicht, dass wir in einem engen, nationalen Korsett aufwachsen.«

Vom Vater beeinflusst studiert Klaus Schwab Maschinenbau an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Nebenbei macht er das Examen in Volkswirtschaft an der Universität Fribourg und während einer Assistenzzeit beim Maschinenbau-Verband VDMA in Frankfurt in beiden Fächern seinen Doktor. Er ist jetzt reif für eine Managerkarriere: »Ich bekam sehr gute Angebote.« Aber es zieht ihn nach Amerika an die Harvard Business School. Nur wenige Deutsche studieren in jener Zeit dort. Er hört bei Professoren wie Henry Kissinger oder John Kenneth Galbraith

– die er später nach Davos holt. »Harvard prägte mich stark, erweiterte meinen Horizont über das Technische hinaus. Die Universität hat mir den Blick für die Welt geöffnet«.

Als Klaus Schwab 1967 zurück nach Deutschland kommt, ist er 29 Jahre alt und erfüllt alle Voraussetzungen, um Karriere in der Industrie zu machen. Er steigt bei der Escher Wyss AG ein und leitet den Integrationsprozess in den Sulzer-Konzern – »eine faszinierende Arbeit«. Sulzer will ihn halten, doch fast zur gleichen Zeit trägt ihm die Hochschule in Genf einen Lehrauftrag für Strategie an. Schwab bleibt auf der Mittellinie, arbeitet halbtags im Unternehmen und die restliche Zeit an der Hochschule.

Der Klaus Schwab jener Zeit ist jung, umtriebig – und offensichtlich größenwahnsinnig. Mindestens 400 Teilnehmer braucht er, um die Kosten für das erste Treffen in Davos zu decken. Wochenlang verschicken er und seine erste Angestellte – später wird sie seine Frau – Einladungen an Freunde, Bekannte und Fremde.

Gleichzeitig sucht er Sponsoren. Die Europäische Gemeinschaft hilft – unter zwei Bedingungen: Die Veranstaltung darf keinen gewerblichen Zwecken folgen. Und sie soll auf dem Gebiet der EG stattfinden. Schwab überzeugt den zuständigen EG-Kommissar Raymond Barre – der spätere französische Premierminister wird Dauergast in Davos –, dass der EG-Beitritt der Schweiz nur eine Frage der Zeit sei. Nun ja. Für seine Vision opfert Schwab sein Erspartes. Auch die Eltern steuern etwas bei, aber noch immer fehlen mindestens 40000 D-Mark.

Das Loch stopft ein Schwarzwälder Unternehmer namens Eugen Claussner, den er beim Golfspielen kennen lernt. Der Inhaber der Möbelfabrik Hukla mit 5000 Angestellten ist von der Davos-Idee überzeugt. Er verlangte eine einzige Sicherheit: Für den Fall, dass das Projekt scheitern sollte und Schwab das Geld nicht zurückzahlen könnte, hätte er in die Geschäftsleitung von Hukla eintreten müssen.

Doch dazu kommt es nicht. Zum ersten Davoser Treffen unter dem Motto »Let’s meet the american challenge« sagen 444 Manager aus ganz Europa zu. Schwab hat gewonnen. Zwanglos, in Rollkragenpullovern und Bergschuhen, diskutiert die Managementelite jener Zeit transatlantisch in Clubatmosphäre über neue wirtschaftliche Herausforderungen. Neue technische Entwicklungen wie Großbildleinwände ziehen die Teilnehmer an; die Sitzordnung beim Mittagessen wird durch Hollerith-Lochkarten festgelegt, die Manager mit gleichen Hobbys vereint. Und am Wochenende locken die Skipisten. Was als einmaliges Ereignis geplant war (»Ich hatte absolut nicht die Idee, das zu meinem Lebenszweck zu machen«), ist schon zu Beginn so erfolgreich, dass Schwab die 50000 Franken Überschuss des ersten Treffens zum Stammkapital seiner Stiftung macht.

Doch nach den beiden nächsten Veranstaltungen ist das Kapital aufgezehrt. Angesichts der großen Konkurrenz anderer Managementsymposien haben zu viele Manager Davos gleich wieder den Rücken gekehrt. »Die Marktidee hat nicht mehr gezogen«, räumt Schwab heute ein.

So ist die erste Krise des »World Economic Forums« auch gleichzeitig seine schwerste. In jenen Jahren, ohne weitere finanzielle Rücklagen und mit äußerst zweifelhaften Geschäftsaussichten für sein Forum, bietet ihm der Düsseldorfer Mannesmann-Konzern, damals noch ein Stahlunternehmen, auf Vermittlung eines seiner Mentoren, des damaligen Mannesmann-Finanzchefs und späteren langjährigen Bosch-Vorstehers Marcus Bierich, den Posten eines stellvertretenden Vorstandsmitglieds an.

Klaus Schwab wird am 30. März 1938 in Ravensburg geboren. Sein Vater ist Geschäftsführer in einer Turbinenfabrik. Nach dem Abitur 1957 studiert er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich Maschinenbau. 1962  wird  er  Diplom-Ingenieur, die  Promotion  folgt 1965. Parallel studiert er an der Universität Fribourg Wirtschaftswissenschaften, in denen er 1967 promoviert wird. Zwischenzeitlich studiert  er  auch  an  der  Harvard  Business  School, unter  anderem  bei Henry Kissinger und John Kenneth Galbraith.Von 1963 bis 1966 arbeitet  er  zudem  als Assistent  des  Präsidenten  des Verbandes  Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) in Frankfurt.

Klaus Schwab wird am 30. März 1938 in Ravensburg geboren. Sein Vater ist Geschäftsführer in einer Turbinenfabrik. Nach dem Abitur 1957 studiert er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich Maschinenbau. 1962  wird  er  Diplom-Ingenieur, die  Promotion  folgt 1965. Parallel studiert er an der Universität Fribourg Wirtschaftswissenschaften, in denen er 1967 promoviert wird. Zwischenzeitlich studiert  er  auch  an  der  Harvard  Business  School, unter  anderem  bei Henry Kissinger und John Kenneth Galbraith.Von 1963 bis 1966 arbeitet  er  zudem  als Assistent  des  Präsidenten  des Verbandes  Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) in Frankfurt.

Im Jahr 2002 verlegt Schwab den Tagungsort erstmals weg von Davos – nach New York. Das soll vier Monate nach den Terroranschlägen  des 11.Septembers 2001 Selbstbehauptungswillen und Zusammengehörigkeitsgefühl der Weltführungskräfte fördern.

Schwab löst die Frage auf eine für ihn typische, unemotionale Weise: Zusammen mit seiner Frau stellte er eine Liste mit allen Fak- toren auf, »zu denen auch so einfache Dinge wie Skilaufen oder Bergwandern gehörte. Dann gaben wir getrennt Plus- und Minus- punkte. Das Ergebnis: 86 zu 85 für Genf.« Er entscheidet sich für das Gestalten und gegen das Managen. Schwab sagt heute: »Ich habe mich immer als kreativer Mensch gesehen, in diesem Sinn fast als Künstler. Ich wollte etwas schaffen.«

Kurz darauf gelingt ihm der Durchbruch. Die Stimmung in der Weltwirtschaft hat sich rapide verschlechtert: Die Aufhebung der Dollarbindung an Gold, die den Welthandel seit Jahrzehnten stabil gehalten hatte, und die erste Ölkrise wirbeln die Märkte durcheinander. Wohlstand und Wachstum drohen zu kippen. Gesucht werden neue Ideen und Strategien – und ein Ort, um darüber zu diskutieren: Davos.

Die Graubündener Kantonalbank hilft ihm mit einem Kredit aus den gröbsten finanziellen Schwierigkeiten. Außerdem ändert Schwab das Konzept. »Davos diente nicht mehr dazu, sich die Managementmethoden anzusehen, sondern die Umwälzfaktoren, die die Strategie bestimmten.« Für diese »Environmental Surveillance« aber reichte es nicht aus, Unternehmer, Manager und Professoren einzuladen. Dazu brauchte er zunächst Politiker, später auch Vertreter von Nicht-Regierungsorganisationen, Künstler, Gewerkschafter und Kirchenvertreter.

In diesen Gründerjahren entsteht der legendäre und viel beschworene Geist von Davos. Teilnehmer der ersten Jahre, die noch die zwanglosen und intimen Diskussionen erlebt haben, blicken noch heute leicht abschätzig auf die krawattentragenden Davos- Neulinge herab. »Schwab hat etwas erfunden, was die Welt offensichtlich brauchte«, urteilt heute etwa Commerzbank-Chef Klaus- Peter Müller. Über die Jahre wird das Forum in Davos zu einer festen, weltweiten Institution. Nelson Mandela und Frederik de Klerk führen in Davos entscheidende Gespräche über die Zukunft Südafrikas

Shimon Peres und Jassir Arafat vereinbaren eine Teilautonomie Palästinas. Aber auch der Club of Rome mit seinem Report über die

»Grenzen des Wachstums« erhält in Davos eine Plattform, genauso wie die Grüne Petra Kelly, die sich in Davos unflätiger Angriffe deutscher Topmanager erwehren muss. »Ich habe viele rote Tücher eingeladen. US-Vizepräsident Dick Cheney hat sich auch einiges anhören müssen«, sagt Klaus Schwab. »Das ist das Salz von Davos.«

Es gibt viele Gründe, regelmäßig Ende Januar nach Davos zu fahren. Zwischen Kontaktbörse und »Volkshochschule auf höchstem Niveau« (Davos-Stammgast Hubert Burda) reichen die Urteile der Teilnehmer. Für 14000 Franken und einen Jahresbeitrag von 30000 Franken kann sich zwischen 9 und 23.30 Uhr jeder über den Zustand der Europäischen Union oder das Wesen von Blasen an den weltweiten Finanzmärkten informieren. Genauso gut kann er mit nordostasiatischen Karikaturisten diskutieren oder mit Vertretern der Weltreligionen die Frage erörtern, ob »Gott die Demokratie liebt«.

Mit diesem Konzept hat Schwab einen guten Teil der weltwirt- schaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Prominenz zu Stammgästen in Davos gemacht: Bill Gates und Heinrich von Pierer, Elie Wiesel und Bill Clinton. Und viele kommen schlicht, um Kontakte zu pflegen auf einem der vielen informellen Branchentreffen abseits des Kongresszentrums oder um bei den hochmögenden Konzernlenkern um Investitionen in Kambodscha oder Quebec zu werben. »Klaus Schwab hat aus einem kleinen Bergtreffen ein weltumspannendes Netzwerk aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft geschaffen«, beschreibt von Pierer dessen unternehmerische Leistung. Schwabs hervorstechendste Eigenschaften auf diesem Weg seien »Unbestechlichkeit und Bescheidenheit«, urteilt der Siemens- Aufsichtsratschef, Davos-Stammgast seit den frühen neunziger Jahren und Mitglied im Stiftungsbeirat des »World Economic Forums«.

Schwab selbst nimmt die Rahmenveranstaltungen, die sich um das »World Economic Forum« in Davos angesiedelt haben, eher zur

Kenntnis, als dass er sie gezielt fördert. Ihm geht es um Verständigung und übergreifende Initiativen, um die große Geste und die kleine Hilfe. Ob es den Teilnehmern passt oder nicht: Auf seine sperrige und moralische Art will der Mann wirklich die Welt verbessern. »Wir sind die einzige wirklich globale Plattform, die verschiedene Entscheidungsträger einbezieht«, beschreibt er selbst das Forum. Und so sieht man ihn in Davos vor allem auf dem Podium neben Politikern, die von Schuldenerlass für Afrika oder einer neuen Klimainitiative künden. Kerzengerade sitzt er da, seinen dunkel- blauen Badge mit Prismenaufhängung um den Hals und fordert in seinem erstaunlich harten englischen Akzent die anwesenden Unternehmensführer zu Global Citizenship auf.

Auf den Abendveranstaltungen der mondänen Veranstaltung sieht man Schwab hingegen nur höchst selten. Der Small Talk ist seine Sache nicht, der glamouröse Auftritt ist ihm fremd. »Zurückhaltend«, charakterisiert von Pierer ihn. Schwab selbst urteilt drastischer: »Ich bin einer der asozialsten Menschen, die ich kenne«, sagt er über sich selbst. Das gilt für die Tage des Davoser Forums wie auch an seinem Wohnort in Genf. »Ich gehe nur sehr selten auf Abendessen oder Cocktailempfänge, zu denen ich eingeladen werde.«

Das würde den disziplinierten Arbeiter auch davon abhalten, abends seine Telefonate mit Geschäftspartnern in den USA zu führen. Von der Zeit in Davos abgesehen hält er keinerlei öffentliche Reden. Über die Vermischung von Beruflichem und Privatem – eigentlich das Geschäftsprinzip einer Branche, die von persönlichen Kontakten lebt – setzt sich Schwab souverän hinweg. »Es funktioniert nicht nach dem Prinzip: Kommst du auf meine Party, dann komme ich auch zu deiner«, sagt der Mann mit dem vermutlich berühmtesten Adressbuch der Welt. Dass die Zahl seiner echten Freunde »begrenzt« sei, ist seinem beruflichen Erfolg nicht abträglich. »Man muss eine Mission und die richtige Idee zur richtigen Zeit haben, dann kommen alle, auch ohne dass es Abhängigkeiten gibt.« So kann Schwab es sich erlauben, sich weder mit Wirtschaftsfüh

rern noch mit Globalisierungskritikern zu verbünden. In Zeiten, in denen die Wirtschaftschefs dem Shareholder-Value folgen, lobt er seit Jahrzehnten unverdrossen den Stakeholder-Value-Ansatz, der nicht nur die Interessen der Aktionäre an einem Unternehmen betont, sondern auch die Rolle von Mitarbeitern und Kunden würdigt. In Zeiten, in denen Private-Equity-Firmen und Hedge-Fonds eine immer größere Rolle in der Wirtschaft spielen, kritisiert er »als Theoretiker deren überzogene Renditeerwartungen«.

Schon früh, noch bevor Globalisierungsgegner das Schweizer Bergdorf mit wüsten Demonstrationen bedrohen, lädt er »dialogbe- reite Globalisierungskritiker« zu Diskussionen mit den Wirtschafts- eliten ein. Nicht immer findet das den Geschmack seines Publikums. Einige Wirtschaftsführer und Kommentatoren finden, dass Schwab den Globalisierungskritikern zu weit entgegenkommt und stufen die Davoser Foren mit ihren Aufrufen für mehr Gerechtigkeit in der Welt als belanglos ein. Auf der anderen Seite ist auch die Zahl seiner Fans unter den Anti-Globalisierern begrenzt: Nicht umsonst wurde das Weltsozialforum im brasilianischen Porto Allegre ausdrücklich zur Konkurrenzveranstaltung von Davos erklärt.

Schwab hat es sich zwischen den Stühlen bequem gemacht. »Unsere Funktion ist, globale Wirtschaftspolitik zu betreiben«, sagt er unbeirrt und bezeichnet sich als »ersten Globalisierungsgegner«, der früh davor gewarnt hat, dass der Rechtsrahmen für internationale Unternehmen zu vage ist. Er weiß selbst, dass nicht alle Mitgliedsunternehmen des »World Economic Forums« diese Art Engagement goutieren. »Von unseren 1000 Mitgliedern würden etwa 400 das Konzept der Global Citizenship voll unterschreiben. 300 denken sich: ›Na, wenn der Schwab dabei ist‹. Und 300 sehen das sehr kritisch.«

Der Entwicklung des »World Economic Forums« tat dies keinen Abbruch. Der Jahresetat liegt mittlerweile bei 100 Millionen Franken. In der Zentrale in Genf arbeiten die meisten der jetzt 230 Mitarbeiter. Die Stiftung ist längst über die Schweiz hinaus gewachsen, organisiert Konferenzen und Seminare, eröffnete Büros in New

York und Peking. Die Hälfte seiner Arbeitszeit ist Klaus Schwab unterwegs. In den Wochen vor dem Gespräch sah seine Reiseroute so aus: Flug nach Singapur und Tokio, ein paar Tage in Genf, dann Abflug nach London zu einem Treffen mit Schatzkanzler Gordon Brown, Weiterflug nach Boston. Wieder zu Hause wechselte er nur den Inhalt seines Koffers und flog nach Jordanien.

»Ich bin gesund«, sagt er. »Ich kann mich relativ schnell erholen«. Zu Hause steht er pünktlich um sechs Uhr auf, schwimmt eine halbe Stunde in seinem kleinen Pool mit Gegenstromanlage und frühstückt mit seiner Frau. Früher waren seine beiden Kinder dabei, sie sind jetzt aus dem Haus. »Ich bin ein Familienmensch, so wie ich es in meinem Elternhaus erlebt habe.« Mit seiner Frau zieht er mindestens einmal im Jahr in die Berge, meist in die Gegend von Zermatt.

Mittagessen im prächtigen Golfclub, wo der Rasen so schön duftet. Wer Mitglied werden will, muss mindestens sieben Jahre auf der Warteliste verharren. Mit Geld geht es auch nicht schneller. Die Frage nach dem Reichtum hat in der Schweiz eine andere Bedeutung als anderswo. »Ich habe ein wunderschönes Haus mit Seeblick, eine Wohnung in den Bergen und verdiene als Präsident des Forums ordentlich. Ich bin glücklich mit meiner Familie und meiner Arbeit, das zählt.«

Klaus Schwab ist jetzt 84 Jahre alt. Was will er noch erreichen?

»Unser Forum will die wirtschaftliche Globalisierung fördern. Aber Unternehmen müssen erkennen, dass sie nicht isoliert und nur dem Markt und ihren Anteilseignern verpflichtet sind. Mit der jetzigen Ausgrenzung von Milliarden Menschen ist die Globalisierung nicht zu schaffen. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft müssen sich als Partner verstehen.«

Er schaut auf die Uhr. Schwab muss hinunter nach Genf, um den indischen Präsidenten Abdul Kalam zu treffen. Der ist ein alter Bekannter – natürlich.

Joachim Dorfs, Claus Larass

Klaus Schwab wurde am 30. März 1938 in Ravensburg in Baden-Württemberg geboren.
Sein Vater war Geschäftsführer in einer Turbinenfabrik.
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Nach dem Abitur 1957

Artikel 20 GG!
(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.
(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.
(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.