„Oaschloch!“

„Oaschloch!“; Foto: © korrekter.com
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Der vorbestrafte Terrorist Kujtim F., 20, läuft mordend durch die Innenstadt. Die Polizei hat seine Radikalisierung durch den Islamischen Staat nicht bemerkt. Das Protokoll einer Schreckensnacht

Von Eva Konzett, Florian Klein, Lukas Matzinger

Es ist Montag, 20.02 Uhr, wir brauchen für den Redaktionsschluss noch Zigaretten. Hundert Meter sind es vom Falter-Büro in der Marc-Aurel-Straße zum nächsten Automaten. Die Straße ist einer der Ausläufer des „Bermudadreiecks“, einer Partymeile, an der Generationen von Wienern, Touristen und Zugereisten trinken, tanzen und das Leben genießen.

Eine Minute, bevor wir das Haus verlassen, dürften die ersten Schüsse gefallen sein. Auf der Straße treffen wir auf verschreckte Burschen vor einem Irish Pub, sie erzählen entgeistert von einer Kalaschnikow. Und dann wird es laut, richtig laut, ein blechernes Gellen: Krt krt krt. Krt krt krt. Vom Schwedenplatz stürmen Polizisten mit Gewehr im Anschlag, wir hämmern an die Redaktionstüre, die Schüsse kommen näher.

Polizeifoto des Attentäters vom Jänner 2019. Er reiste Richtung Syrien und wollte sich dem Kalifat anschließen | Foto: Polizei
Polizeifoto des Attentäters vom Jänner 2019. Er reiste Richtung Syrien und wollte sich dem Kalifat anschließen | Foto: Polizei

Es ist eine gespenstische, eine unwirkliche Szene. Begleitet vom Heulen der Einsatzwagen, die durch die Marc-Aurel-Straße rasen und drüben am Donaukanal erstaunlich schnell die Innenstadt ansteuern. Mit Helmen und schusssicheren Westen, mit Hubschraubern und zivilen Einsatzkommandos durchkämmen die Polizisten den Bezirk wie bei einem Häuserkampf. Sieben verschiedene Polizisten werden an diesem Abend schießen. Sind Dutzende Attentäter in der Stadt unterwegs? Oder doch nur einer? Niemand kann es zu der Zeit sagen.

Die Lage bei Redaktionsschluss: Am Allerseelentag 2020 starben um den Schwedenplatz fünf Menschen, darunter auch der Attentäter Kujtim F., der vor 20 Jahren als Sohn nordmazedonischer Eltern in Mödling geboren wurde, wie Innenminister Karl Nehammer bestätigte. Am Montag, kurz nach acht Uhr abends, suchte er das Fortgehviertel beim Schwedenplatz heim, ob er alleine war, ist unklar. Sein Sturmgewehr lässt auf reife Vorbereitung schließen.

Das Attentat ist der schwerste Terroranschlag in Österreich seit der Briefbombenserie des rechtsextremen Franz Fuchs und wohl der erste von der Terrormiliz Islamischer Staat inspirierte. Aufgelöst spricht der Innenminister Karl Nehammer in der Pressekonferenz vom „schwersten Tag für Österreich seit vielen Jahren“.

Kujtim F. soll radikalisierter Sympathisant des sogenannten IS gewesen, die Beamten konnten ihn schnell identifizieren, noch in der Nacht sprengen sie seine Simmeringer Wohnung für eine Hausdurchsuchung auf. In der Pubertät beschäftigte er sich intensiv mit dem Islam, danach bekam er Probleme, daheim und in der Schule. Er besuchte regelmäßig eine dem Verfassungsschutz bekannte Moschee in der Josefstadt.

Den Behörden war Kujtim F. bestens bekannt: Er war einer jener Islamisten, die von Österreich nach Syrien ins „Kalifat“ ausreisen wollten, bis in die Türkei hat er es geschafft. 2019 saß er deshalb wegen der Mitgliedschaft an einer terroristischen Vereinigung siebeneinhalb Monate lang in Österreich im Gefängnis. Dass Kujtim F. einen Anschlag in Wien plante, hatte ihm die Polizei offenbar trotzdem nicht zugetraut.

Was war nun das Motiv dieses Burschen? Vieles spricht dafür, dass Kujtim F. sein Anschlagsziel mit Bedacht wählte. In derselben Seitenstettengasse hatte ein palästinensisches Terrorkommando 1981 die Hauptsynagoge der jüdischen Gemeinde Wiens gestürmt und zwei Menschen getötet. Kujtim F. könnte diesen Terrorakt zitiert haben, um dann im Bermudadreieck ein Blutbad vor den Überwachungskameras der Kultusgemeinde anzurichten.

Der Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister wurde an seinem Wohnungsfenster zum Augenzeugen, er will „einen oder mehrere“ Täter gesehen haben, die „gezielt“ Menschen in den Gastgärten ins Visier genommen hätten. Die Tische waren an jenem Abend voll, der Föhn wärmte den Abend auf fast 20 Grad. Viele wollten sich die letzten Stunden vor dem Lockdown noch einmal schöntrinken. Kurz nach 20 Uhr begann das Morden.

In der Seitenstettengasse, vis-à-vis vom Stadttempel der Israelitischen Kultusgemeinde und vor der Meinz Cocktailbar schießt der Attentäter im Vorbeigehen auf einen Passanten. Er läuft noch einmal zurück und feuert aus einer Pistole auf den am Boden liegenden jungen Mann, der sich die Hand vors Gesicht hält. Der Angreifer sucht Deckung in den Eingängen der Bars, ein Anrainer ruft ihm laut „schleich di, du Orschloch“ nach.

Die Tische vor der Trinkerhöhle „Morgans“ in der Judengasse stapeln sich wild, daneben, vor dem Eingang des Restaurants Salzgries, liegt ein Mensch in seinem Blut. Am Schwedenplatz feuert ein Attentäter auf zwei Polizisten, ein Beamter bleibt schwer verletzt liegen, er soll inzwischen außer Lebensgefahr sein. Hinter einem McDonald’s gehen einige Uniformierte in Deckung.

Offenbar ist Kujtim F. acht Minuten lang durch die Gassen des Bermudadreiecks gelaufen und hat wahllos zu morden versucht. Um 20.09 Uhr liegt er tot vor der Ruprechtskirche, erschossen von Polizisten der Sondereinheit Wega, die einen Sicherheitsabstand um den Leichnam ziehen. Der Sprengstoffgürtel um seinen Bauch stellt sich später als Attrappe heraus.

Der Abend des Schreckens begann mit Polizeinotrufen. Ein Mann würde mit einer Schrotflinte in der Innenstadt um sich schießen, so erzählt es Wiens Polizeipräsident Gerhard Pürstl in einer ersten Pressekonferenz. Die Schrotflinte war in Wirklichkeit ein automatisches Sturmgewehr, der Täter trägt auf den Videos zudem eine Pistole und wohl eine Machete. Man weiß in diesen Minuten wenig: Marodiert eine islamistische Terrorzelle in der Wiener Innenstadt? Oder ist es ein einzelner Amokläufer?

In den sozialen Medien bittet die Polizei, keine Handybilder zu zeigen, auch, um die Einsatzkräfte nicht zu gefährden. Auf Twitter kommen bei Attentaten die schnellsten Informationen: wahrheitsgemäße und nützliche. Und die anderen. Am Abend haben Fake News Saison – In Salzburg habe es einen Anschlag gegeben und im Hilton-Hotel im Stadtpark, Terroristen seien mit der U3 unterwegs. Der Krawallsender Oe24 der Fellner-Familie tut in diesen Stunden, was es nach Terroranschläge zu vermeiden gilt: In Endlosschleife laufen die traumatisierenden Bilder von den Mordversuchen, der Blutlache beim Salzamt.

Der Moderator verliest gefälschte Bekennerschreiben, auch die Online-Krone lässt die Nation beim Sterben zusehen. Beim Österreichischen Presserat sind bisher 700 Beschwerden gegen die Veröffentlichung der Hinrichtungsbilder eingegangen. Auch der Falter sitzt einer von der Polizei gestreuten Falschmeldung auf: in einem Lokal der Mariahilfer Straße habe ein Attentäter Geiseln genommen. Das war − zum Glück − falsch.

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Falter.at/falter